„Ich werde nicht mein ganzes Leben im Gemeindevorstand bleiben.“
Autor: Swiss Leaders Veröffentlicht 12 November 2020
Wenn politisches Engagement zu beruflicher Kompetenz wird. Erfahrungsbericht von Jean Christophe Schwaab, SP-Gemeinderat in Bourg-en-Lavaux (VD).
Was hat Sie dazu bewogen, am Zertifizierungsprozess für Gemeinderätinnen und Gemeinderäte teilzunehmen?
Jean Christophe Schwaab: Ich kann auf eine lange parlamentarische Laufbahn auf allen Ebenen zurückblicken: auf kommunaler Ebene (in Gemeinden mit 300 und 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern), auf kantonaler und auf Bundesebene. Auch wenn ich als Parlamentarier umfangreiche Projekte geleitet habe (Steuerung einer Gemeindefusion, Vorsitz der Rechtskommission des Nationalrats), hat mir der «Sprung» in die Gemeindeverwaltung gezeigt, dass zwischen der Tätigkeit eines Parlamentariers und der eines Mitglieds der Exekutive ein grosser Unterschied besteht.
Ein Parlamentarier kann sich darauf beschränken, gute Ideen zu haben, die andere umsetzen. Ein Mitglied der Exekutive muss hingegen Entscheidungen umsetzen, die es nicht immer selbst getroffen hat und mit denen es nicht unbedingt immer einverstanden ist, die aber konkrete Auswirkungen auf das Leben der Einwohnerinnen und Einwohner haben – und an denen es gemessen wird.
Dieser «Sprung» hat mir auch gezeigt, dass Mitglieder von Exekutiven unabhängig von ihrem Beruf, ihren bisherigen Tätigkeiten und ihrem politischen Werdegang eine Vielzahl von Kompetenzen «on the job» erwerben müssen – und diese auch tatsächlich erwerben. Es ist wichtig, dass diese Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch von der Gesellschaft insgesamt angemessen anerkannt werden.
Ich begrüsse daher das Engagement von Swiss Leaders und des Schweizerischen Gemeindeverbands. Persönlich befinde ich mich in der Mitte meiner beruflichen Laufbahn und werde nicht mein ganzes Leben in der Gemeindeverwaltung bleiben: Eine Zertifizierung meiner Kompetenzen ist in einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt ein unverzichtbares Instrument.
Ihr Zertifizierungsprozess wurde erfolgreich abgeschlossen. Wie lautet Ihr Fazit?
J.C.S: Die Zertifizierung hat mir auch geholfen, die neuen Kompetenzen besser zu verstehen, die für das gute Funktionieren einer Exekutive erforderlich sind, insbesondere die Vernetzung und eine ausgeprägte Feedbackkultur. Die öffentlichen Angelegenheiten werden immer komplexer, die Zahl der Akteure nimmt zu und ihre jeweiligen Zuständigkeiten sind immer weniger klar. Es ist daher unerlässlich, diese Akteure, ihre Zuständigkeiten und ihre Ziele zu kennen, um im Bedarfsfall die Zusammenarbeit bestmöglich zu organisieren.
Darüber hinaus erfordert die Vielfalt der kommunalen Aufgaben eine immer grössere Flexibilität des Gemeindepersonals. Die Exekutive muss sich darauf einstellen und sich moderne Managementmethoden aneignen, die insbesondere auf einer Feedbackkultur basieren: Kritik üben und ermutigen, aber auch Kritik annehmen können. Die Zeiten allmächtiger Gewählter, die nach einem rein hierarchischen «Top-down»-Ansatz agieren, sind vorbei – nicht zuletzt, weil die Bevölkerung ihre gewählten Vertreterinnen und Vertreter immer weniger als Führungspersönlichkeiten und zunehmend als Partner im Dienst der Gemeinschaft betrachtet.
Ich empfehle diese Zertifizierung wärmstens und wünsche ihr viel Erfolg!
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