Eine Frau in der Politik?

Autor:  Swiss Leaders Veröffentlicht 03 März 2021
Foto von Karine Sierro-Masserey

Frau sein und eine Gemeinde führen: eine Frage der Kompetenz, nicht des Geschlechts. Erfahrungsbericht von Karine Sierro-Masserey.


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Karine Sierro-Masserey: Eine Frau in der Politik? Die Frage mag im 21. Jahrhundert etwas befremdlich erscheinen, schliesslich hat sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft seit der Einführung des Frauenstimmrechts stark verändert. Frauen haben sich emanzipiert, ihre finanzielle Unabhängigkeit eingefordert und ihre Eigenständigkeit innerhalb der Familie behauptet. Geschlechterfragen im Zusammenhang mit beruflichen und familiären Rollen verlieren zunehmend an Bedeutung, Vorurteile werden abgebaut – zumindest in unseren westlichen Gesellschaften.

Warum stellt sich diese Frage also überhaupt? Was ist so erstaunlich, faszinierend oder anders daran, wenn eine Frau ein politisches Amt anstrebt? Gibt es darüber überhaupt noch etwas zu diskutieren?

Immer mehr Frauen interessieren sich für die Politik, und das freut mich. Sie ergreifen die Chance, sich in einem System der direkten Demokratie zu engagieren, das ihnen diese Möglichkeit bietet. Das bedeutet auch, dass das allgemeine Bildungs- und Ausbildungsniveau in der Schweiz hoch genug ist, damit niemand von Unwissenheit ausgeschlossen bleibt und jede und jeder in der Lage ist, eine fundierte und respektable persönliche Meinung zu vertreten. Auch die Erziehung trägt eine unbestreitbare Verantwortung: Mütter und Väter müssen eine Partnerschaft vorleben, die über traditionelle Rollen hinausgeht und auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt beruht. Wir sind auf dem richtigen Weg …!

Ein politisches Amt zu übernehmen bedeutet, all unsere verschiedenen Lebensbereiche miteinander zu vereinbaren: Politik in Teilzeit, Privatleben und Familie, Freizeit sowie Berufsleben.

Das ist bei Weitem keine leichte Aufgabe, und verständlicherweise schreckt diese Perspektive manche von uns ab, insbesondere Frauen. Politische Funktionen erfordern ein gewisses Mass an Ehrgeiz, viel Energie, eine ständige Organisation, einen Sinn für das Gemeinwohl, den Wunsch, zur Verbesserung der Lebensqualität beizutragen und die Zukunft der eigenen Gemeinde, des Kantons und des Landes mitzugestalten. Es ist spannend und bereichernd. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass man manchmal auf Freizeit und Freunde verzichten muss, die man nicht mehr so häufig sieht, und manchmal auch auf das Familienleben, das man gerne vorbildlich gestalten würde. Man kann eben nicht alles haben, sagt man … geprägt, wie wir Frauen durch überkommene Denkmuster sind, die uns Schuldgefühle vermitteln.

Eine Führungsfunktion auszuüben, lehrt uns, mit der Einsamkeit der Verantwortung umzugehen, selbst wenn man sich auf eine leistungsfähige Verwaltung und technische Dienste, Parteikolleginnen und -kollegen, die nicht immer Parteigänger sind, sowie ein Team stützen kann, das man sich nicht selbst ausgesucht hat und/oder dessen politische Ausrichtung nicht unbedingt der eigenen entspricht.

Man wird sich der Vielzahl von Dossiers bewusst, die in ganz unterschiedlichen Bereichen zu bearbeiten sind. Perfektionismus, der zu Unrecht – vor allem – Frauen zugeschrieben wird, ist dabei kein guter Ratgeber. Sollte dies tatsächlich eine Charaktereigenschaft sein, muss man sie ablegen und lernen, schnell zu arbeiten, Prioritäten zu setzen, rasch zu verstehen, worum es geht, welche Interessen, Probleme und Risiken bestehen, ohne sich in Details zu verlieren. Gleichzeitig muss man seinen Tag so organisieren, dass Beruf, Familie und Politik miteinander vereinbart werden können, ohne einen dieser Bereiche zu vernachlässigen.

An der Spitze einer Gemeinde muss man Abstand gewinnen können, lernen, sich ein dickes Fell zuzulegen und intelligent zu kommunizieren, denn auch wenn die Aufgabe anspruchsvoll ist, Kritik in den sozialen Medien und den Medien ist schnell geäussert.

Allen gefallen zu wollen, bedeutet nicht zu führen, sondern Ja zu sagen, ohne seine Versprechen halten zu können. Verantwortung zu übernehmen bedeutet hingegen, manchmal unpopuläre Massnahmen durchzusetzen. Dies gilt umso mehr in Krisensituationen, in denen sich die emotionalen Kompetenzen der Person am Steuer schnell zeigen.

Dabei reagiert nicht jeder Mensch gleich sensibel und lässt sich in gleichem Masse davon beeinflussen.

Sind Emotionen geschlechtsspezifisch? Das glaube ich nicht. Ich glaube jedoch, dass manche Frauen eher dazu neigen, ihre Gefühle, Sorgen und Zweifel zum Ausdruck zu bringen. Sie lernen jedoch, ihre Emotionen zu beherrschen und die Ruhe zu bewahren, um keine Angriffsfläche für Kritik zu bieten, denn schnell wird daraus ein Zeichen von Schwäche oder gar Inkompetenz gemacht. Unsere Erziehung, unser beruflicher und familiärer Lebensweg sowie unsere Fähigkeit, die mentale Belastung zu bewältigen und gleichzeitig an allen Fronten präsent zu sein, prägen unsere Haltung und unseren Führungsstil – belastbar, entschlossen und empathisch –, mit dem Ziel, innerhalb des Gemeindeteams, bei unseren Mitarbeitenden und in der Bevölkerung Zustimmung und Motivation zu schaffen. Das sollte zumindest das Ziel sein, das wir alle anstreben.

Das Familienleben entwickelt unsere Sensibilität und befähigt uns, aktiv auf die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Kinder zu hören und gleichzeitig entschlossen und konsequent Entscheidungen zu treffen. Diese Erfahrung ist wertvoll, weil sie sich auf das berufliche und politische Umfeld übertragen lässt.

Beim Hochseesegeln in meiner Freizeit habe ich gelernt, in einem Team zu arbeiten, auf den Einsatz der anderen zu zählen, Vertrauen zu haben und sich zu organisieren. Alles wird gemeinsam erledigt, von der Navigation über die Verpflegung bis hin zur Bordküche. Jede und jeder trägt dazu bei, ein gutes Miteinander unter den Besatzungsmitgliedern zu schaffen, die sich zu Beginn nicht unbedingt kennen und auf engem Raum zusammenarbeiten müssen. Eine solche Erfahrung ist auch am Steuer einer Gemeinde von grossem Nutzen!

Ich plädiere daher für eine nicht-hierarchische, das heisst horizontale, kollaborative und transparente Führung im Team, die auf einer optimistischen Managementkultur basiert.

Das schliesst keineswegs aus, das Steuer fest in der Hand zu halten und die Verantwortung für Entscheidungen und Handlungen zu übernehmen. Diese Führungsweise ermöglicht es, Kompetenzen an Personen zu delegieren, die über entsprechende Fähigkeiten verfügen. Ziele, Instrumente zur Kontrolle des Arbeitsfortschritts, Debriefings und Reportings müssen jedoch vorhanden sein. Dies ist eine respektvollere, motivierendere und mobilisierendere Arbeitsweise für die Mitarbeitenden. Sie fördert das Wohlbefinden am Arbeitsplatz, die Effizienz, eine geringere Abwesenheitsquote und die Mitarbeiterbindung.

Unser Berufs- und Familienleben, unsere Erziehung, unsere Ausbildung und unsere Freizeit prägen die Art und Weise, wie wir ein Team führen und ein «Schiff» steuern. Man muss seine Weiblichkeit nicht verbergen, um glaubwürdig zu sein, und man muss sich auch nicht militärischer Verhaltensweisen bedienen, um sich durchzusetzen. Kompetenz, ein gesundes Mass an Sensibilität und Intelligenz sind nicht geschlechtsspezifisch!

Karine Sierro-Masserey, wer sind Sie?

Karine Sierro-Masserey: Ich bin eine Frau, die es als grosses Glück empfindet, ständig neue Lebenserfahrungen zu sammeln und Kompetenzen in den unterschiedlichsten Bereichen zu erwerben, um darin persönliche Erfüllung und Ausgeglichenheit zu finden und diese anderen Menschen zur Verfügung zu stellen, die danach suchen. Es bereitet mir grosse Freude, meine Zeit, mich selbst und meine Arbeit anderen zu widmen. Darin liegt eine doppelte Erfüllung: für das Wohl anderer und für das eigene.

Swiss Leaders: Wie haben Sie als Unternehmerin Ihre Rolle als Gemeindepräsidentin erlebt?

K.S.M.: Ich hätte nicht gedacht, wie ähnlich diese beiden Welten sind. Meiner Ansicht nach sollte eine gute Gemeindepräsidentin oder ein guter Gemeindepräsident eine Gemeinde wie eine gute Unternehmerin bzw. ein guter Unternehmer führen. Zunächst einmal muss man für das, was man tut, Leidenschaft empfinden. Man muss entschlossen sein zu handeln und wissen, was es braucht, um voranzukommen und sich weiterzuentwickeln – koste es, was es wolle. Dazu braucht es Ausdauer und Mut, um Enttäuschungen, Frustrationen und Misserfolge zu überwinden.

Auch eine gute Portion Träume und Kreativität ist notwendig. Daraus entstehen Visionen und Strategien, die uns voranbringen. Eine Gemeinde oder ein Unternehmen erfolgreich zu positionieren bedeutet, den Bürgerinnen und Bürgern bzw. den Kundinnen und Kunden einen Mehrwert und eine Antwort auf ihre Bedürfnisse zu bieten und dabei proaktiv und reaktionsfähig zu sein.

Es bedeutet, gesellig zu sein, den Kontakt zu suchen, sein Umfeld und seine Anspruchsgruppen aufmerksam wahrzunehmen, sie verstehen, akzeptieren und in ihrer Eigenart anerkennen zu wollen – ebenso wie das, was sie uns geben können. Man muss bereit sein, sich selbst zu hinterfragen und seine Gewissheiten zu überprüfen. Und nicht zuletzt muss man organisiert sein, planen, diszipliniert arbeiten und die nötige Sorgfalt an den Tag legen. Abschliessend möchte ich die Bedeutung von Integrität hervorheben, um Vertrauen zu schaffen, Sicherheit zu geben und Menschen langfristig zu binden.

Swiss Leaders: Obwohl Frauen im eidgenössischen Parlament besser vertreten sind, ist die Situation auf lokaler Ebene anders. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

K.S.M.: Das stelle ich nicht fest. Im Wallis wurden auf kommunaler Ebene viele Frauen gewählt, darunter bei den letzten Wahlen im Oktober auch mehrere Gemeindepräsidentinnen.

Ich denke, dass sich die Statistiken je nach Jahr und den jeweiligen Möglichkeiten verändern.

Es ist keine – oder nicht mehr nur eine – Frage der Parteipolitik, wonach diese oder jene Partei Frauen bewusst von ihren Listen ausschliessen würde. Die Voraussetzungen sind einfach noch nicht überall gegeben, damit sich gewisse Frauen zum jetzigen Zeitpunkt engagieren – und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Aber sie sind da, ebenso wie die jungen Frauen. Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts.

Ich bestreite nicht, dass es nach wie vor sehr konservative, misstrauische oder skeptische Menschen gibt, die keine Frauen auf ihre Parteilisten aufnehmen wollen! Zudem gibt es weiterhin kompetente Frauen, die zögern, sich politisch zu engagieren, solange die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Politik nicht verbessert werden.

Swiss Leaders: Was hat Sie dazu bewogen, sich für das Zertifizierungsverfahren für Gemeindevorstände anzumelden?

K.S.M.: Ich hatte erfahren, dass ein Verfahren zur Validierung von Führungs- und Managementkompetenzen, die in der Arbeitswelt anerkannt sind, nicht nur für Kader der Armee, sondern auch für Mitglieder von Gemeindevorständen existiert. Ich halte diese Art des Transfers für sehr sinnvoll. Sie schafft einen Mehrwert für die Institution, könnte für manche Personen einen zusätzlichen Anreiz darstellen, sich zu engagieren, und verleiht ihnen eine berufliche Anerkennung für die erfolgreich erfüllte Aufgabe im öffentlichen Interesse. Diese Zertifizierung ist für mich eine positive indirekte Folge meines Engagements.

Swiss Leaders: Ihr Zertifizierungsverfahren wurde erfolgreich abgeschlossen. Was ist Ihr Fazit?

K.S.M.: Ich freue mich sehr, die Zertifizierung erhalten zu haben. Ich sehe sie gewissermassen als Pendant zum Arbeitszeugnis im beruflichen Umfeld – als objektive und nicht wahlpolitisch geprägte Anerkennung meiner Fähigkeiten, eine Gemeinde zu führen.

Durch diesen gesamten Prozess wurde mir bewusst, welche Führungskompetenzen für das reibungslose Funktionieren eines Gemeindevorstands erforderlich sind, insbesondere wenn man an dessen Spitze steht. Das war mir nicht unbedingt bewusst. Ich konnte teilweise mit Überraschung erkennen, woher bestimmte Kompetenzen stammen: aus meinen Lebenserfahrungen, meinen beruflichen Erfahrungen, meinem Studium und meinen Weiterbildungen, aber auch aus der Ausübung bestimmter Freizeitaktivitäten sowie aus meinem Charakter und Temperament.

Dadurch konnte ich meine Stärken und Schwächen besser erkennen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, über einen grossen Teil dieser Kompetenzen zu verfügen, bevor man eine solche Funktion verantwortungsvoll ausüben kann. Ich habe auch erkannt, inwiefern mich diese Erfahrung persönlich bereichert hat. Ich kann diese Zertifizierung nur empfehlen.

Autor

Swiss Leaders

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