Was macht Arbeit toxisch? Während Unternehmen Yogakurse einführen und Chief Happiness Officer ernennen, berichtet ein Drittel der Schweizer Erwerbstätigen von emotionaler Erschöpfung. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall – sie offenbart eine tiefere Wahrheit über toxische Arbeit, die wir in dieser Ausgabe erkunden.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Als Führungskräfte tragen Sie eine doppelte Verantwortung. Sie können Opfer toxischer Dynamiken werden – eingeklemmt zwischen widersprüchlichen Anforderungen, gefangen in dem, was unser Schwerpunktartikel als «Sandwich-Position» des mittleren Managements beschreibt. Gleichzeitig sind Sie potenzielle Verursacher*innen: Jede ignorierte Warnung, jede aufgeschobene Konfliktlösung trägt zur Toxizität bei. Wie Claudia Stam in ihrem Standpunkt mahnt: «Toxische Arbeit ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern Ausdruck struktureller Versäumnisse.»
Diese Dualität ist unbequem, aber sie ist auch eine Chance. Wer beide Seiten kennt, kann bewusster handeln. Wer versteht, wie leicht man selbst zum Teil des Problems werden kann – etwa durch das, was Prof. Heike Bruch im Trend als «korrosive Energie» analysiert –, wird achtsamer in der eigenen Führung.
Die Wahrheit ist: Es gibt keine einfachen Lösungen. Weder die radikale Abkehr von allen Wohlfühlmassnahmen, wie sie Yves-Alexandre Thalmann im Interview provokant fordert, noch das blinde Vertrauen in immer neue Managementmoden werden uns weiterbringen. Was es braucht, ist der Mut zur ehrlichen Diagnose und die Demut zu akzeptieren, dass Arbeit – bei aller möglichen Erfüllung – immer auch Mühe bedeutet.
Dieses Magazin kann nicht alle Fragen beantworten. Aber es kann zum Dialog einladen. Denn eines lehrt uns die Auseinandersetzung mit toxischer Arbeit: Die gefährlichsten Gifte sind oft die, über die wir schweigen. Das sagt auch Asbest-Sanierer Roman Randa im «Letzten Wort»: «Das Gift sitzt weniger im Material – es sitzt in der Ignoranz.»
Lassen Sie uns das Schweigen brechen.
Claire-Lise Rimaz
Geschäftsleiterin Swiss Leaders